Genau genommen beginnt die besondere Geschichte Philipp Sekowskis, der im Sommer von der SG Flensburg/Handewitt zur Eintracht gewechselt ist, und seitdem in der U23 für Tore aus dem rechten Rückraum sorgt, bereits vor sechs Jahren. Im Jahr 2019 stirbt sein Vater. Blutkrebs. Ein einschneidendes Erlebnis für Philipp, das unter anderem auch zur Folge hat, dass sich der damals Jugendliche bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) registrieren lässt.
Mit Hilfe einer Speichelprobe, die ganz einfach per Wangenabstrich mit einem Wattestäbchen vorgenommen wird, analysiert die DKMS die Gewebemerkmale jedes potenziellen Spenders. Nur wenn diese Merkmale möglichst exakt mit denen des Blutkrebspatienten übereinstimmen, ist eine rettende Stammzellspende möglich. Dann spricht man von einem „perfekten Match“. Diese Übereinstimmungen sind selten.
Vor rund sieben Wochen ist es entgegen jeder statistischen Wahrscheinlichkeit so weit. Philipp Sekowski bekommt Post von der DKMS. Gewissermaßen ein erster Vorabbescheid. Es folgt eine Blutentnahme beim Arzt, weitere Tests dauern zwei bis drei Wochen. Nächster Bescheid: Philipps Merkmale passen tatsächlich zu denen des Empfängers oder der Empfängerin. Das bestätigen auch die finalen Untersuchungen im DKMS-Zentrum in Köln. „Nach diesem Bescheid war es bei mir so, als wenn man einen Schalter umlegt“, berichtet Philip, „jetzt weiß man: Es kommt auf Dich an!“
Rückzugsgedanken? Zweifel, ob man wirklich spenden möchte? - „Nein. Zu keinem Zeitpunkt“, sagt der Eintracht-Handballer mit dem Brustton der tiefsten Überzeugung, „ich wusste durch meinen Vater, wie sich die betroffene Person fühlt. Für mich war völlig klar, dass ich es mache.“
Gesagt, getan. Vier Tage vor der Spende beginnt die „heiße Phase“. Bei Philip erfolgt eine sogenannte „periphere Stammzellentnahme“. Das ist das Verfahren, das in 90 Prozent aller Fälle angewendet wird. Vier Tage vor der eigentlichen Spende erhält der Spender täglich ein Medikament, das für eine verstärkte Produktion von Stammzellen sorgt. „Ganz einfach: Man setzt sich eine Spritze in die Bauchfalte. Wie eine Thrombosespritze nach einer Operation“, erzählt der 20-Jährige. Nebenwirkungen? - Ja, die gibt es. „Wie bei einer Erkältung. Ich hatte etwas Kopfschmerzen, mehr nicht.“
Die Spende selbst ist unspektakulär. Im DKMS-Entnahmezentrum am Media Park in Köln werden Zugänge in beide Armvenen gelegt, ähnlich einer Dialyse. Über ein spezielles Verfahren (Apherese) werden dann die benötigten Stammzellen aus dem Blut gewonnen. Sekowski: „Nach zwei Minuten hatte ich schon vergessen, dass ich einen Zugang hatte. Und dann liegt man da eben“. Drei bis fünf Stunden dauert die Spende, noch am selben Tag geht's nach Hause. Nur Autofahren ist direkt nach der Spende nicht erlaubt.
Rund zwei Wochen lang muss Philipp noch auf Handballtraining verzichten. Grund ist, dass die etwas angeschwollene Milz sich zunächst erholen muss. Da passt es gut, dass die 3. Liga nach dem Habenhausen-Spiel ohnehin in die Weihnachtpause geht. Für Philipp geht's heim in den hohen Norden in die Nähe von Husum.
Und wie fühlt man sich während der Spende und danach? - „Erst ein bisschen aufgeregt, aber das legt sich schnell. Die Nebenwirkungen - ich hatte etwas Kreislaufprobleme - sind nichts im Vergleich dazu, was man bewirken kann. Und wenn die Aufregung sich gelegt hat, fühlt es sich einfach gut an. Ich hoffe jetzt nur, dass es der anderen Person auch wirklich hilft.“
Garantiert ist das nicht, aber die Chancen stehen nicht schlecht. An wen Philipp Sekowski spendet, weiß er nicht. In Deutschland gilt eine zweijährige Anonymitätsfrist. Erst nach Ablauf dieser Frist können sich Spender und Empfänger kennenlernen - beidseitiges Einverständnis vorausgesetzt. Ob es dazu kommen wird? - Philipp ist sich Stand heute noch unsicher. „Ich möchte nicht, dass der- oder diejenige denkt, sie würde in irgendeiner Hinsicht in meiner Schuld stehen. Denn das tut sie nicht…“ Ein Denkprozess, der noch nicht abgeschlossen ist.
Diese Gedanken ändern freilich gar nichts daran, "dass sich alles richtig anführt“, sagt Philipp Sekowski und wirbt dafür, dass sich möglichst viele Menschen bei der DKMS registrieren lassen. Angst vor dem Prozedere der Spende müssen niemand haben. „Das sind Kleinigkeiten, verglichen mit dem, was man bewirken kann.“ Was im übrigen auch die Verantwortlichen des VfL Eintracht Hagen so sehen. Keine Sekunde hat es eine Diskussion darüber gegeben, dass Philipp Sekowski das Spiel in Habenhausen aufgrund seiner Spende verpassen würde. Es gibt wichtigere Dinge im Leben als Handball. Viel wichtigere. Vor allem das Leben selbst.
Alle zwölf Minuten erhält in Deutschland ein Mensch die niederschmetternde Diagnose „Blutkrebs“, weltweit sogar alle 27 Sekunden. Blutkrebs ist nach wie vor die häufigste Form von Krebs bei Kindern. Ohne eine lebensrettende Stammzellspende können viele Patienten nicht überleben, sodass mit der Suche nach geeigneten Spendern immer auch ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Je schneller ein „Match“ gefunden wird, desto größer sind die Überlebenschancen der Patienten.
Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) ist eine gemeinnützige Organisation, die Stammzellspender weltweit registriert. Mittlerweile sind mehr als 13 Millionen potenzielle Spender erfasst, bis heute wurden mehr als 130.000 Stammzellspenden vermittelt.
Wie die DKMS unterstützt werden kann, erfahrt ihr direkt auf der DKMS-Homepage.

