Lou Schmidt sitzt am Esstisch. Ein Glas Wasser vor sich und mindestens eine Hand immer damit beschäftigt, den beiden Broholmer-Hündinnen des Hauses, in dem er zu Besuch ist, um auf eben jenes Jahr 2025 zurückzuschauen, irgendwie auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Wenn er den letzten zwölf Monaten eine Überschrift geben müsste - wie würde diese Schlagzeile lauten? Kein langes Überlegen: „Ein Bilderbuch-Jahr!“ Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn die Geschichte des Jahres beginnt - streng genommen - viel früher. Und so gar nicht bilderbuchmäßig.
Am 2. Juli 2023 nämlich unternimmt der damals 24-Jährige seinen ersten Versuch, einen Ironman zu absolvieren. Das geht gründlich schief. Ironman - das ist ein extrem anspruchsvoller Langdistanz-Triathlon. 3,8 Kilometer Schwimmen im Freiwasser, 180 Kilometer Radfahren und weil das noch nicht genug ist, obendrauf noch 42,195 Kilometer Laufen, also einen Marathon.
Der Eintrachtler hat sich vorbereitet, intensiv trainiert, 30 Kilogramm abgespeckt - und wird beim Ironman in Frankfurt/Main doch im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt erwischt. Schon beim Schwimmen überkommt ihn eine Panikattacke. Ein mächtiges, völlig neues Gefühl. Die Kälte an diesem Tag ist das größte Problem, die drangvolle Enge beim Massenstart tut ein Übriges. „Die ganze Situation war zu viel für mich. Ich konnte nicht atmen und habe gemerkt, ich komme einfach nicht in meinen Rhythmus.“ Folge ist der ganz frühe Ausstieg. „Ich war am Boden zerstört. Ein riesiger Traum ist da für mich geplatzt.“
Die Frage, die sich in solchen Momenten stellt: Wie geht man um mit der Erfahrung des Scheiterns. Lou Schmidt macht weiter. Sofort. Absolviert schon am nächsten Tag einen Halbmarathon in neuer Bestzeit - 1:29 Stunden. „Jetzt erst recht“, lautet die Maxime. Natürlich läuft nicht alles glatt. Beim Handball zum Beispiel gibt es den einen oder anderen Spruch. Gar nicht böse gemeint, aber eben so, wie es zugeht in einer Kabine. „Was war da los? Bist Du fast ersoffen? So was in der Art halt. Das nervt dann irgendwann“, schaut Lou zurück.
An der Grundeinstellung ändert das nichts. Irgendwann soll der Ironman gelingen. Das Training wird modifiziert, länger auch mit niedrigem Puls trainiert. Und Lou Schmidt trainiert auch dann, wenn das Wetter - wie man im Sauerland so schön sagt - „richtig beschissen“ ist. Kalt und Regen. Schmidt schwimmt in der Glörtalsperre bei Breckerfeld oder in der Sorpe (Sundern). „Natürlich kannst Du es nicht nachstellen, wenn man mit 3.000 Leuten gleichzeitig ins Wasser geht. Das ist so ähnlich wie eine Massenschlägerei. Aber ein Stück weit kann man sich im Kopf darauf vorbereiten, was passiert.“
Zwei Jahre nach dem Erstversuch fühlt sich der Eintracht-Handballer wieder bereit, fasst ursprünglich einen Wettkampf in Österreich ins Auge, muss dann aber aufgrund einer Knieverletzung passen. So wird es der Ironman Switzerland in Thun am 23. August 2025. Nun ist ein Ironman-Wettbewerb immer anspruchsvoll, der in Thun aber noch einmal besonders. Der Thunersee wird von Bergwasser gespeist, ist entsprechend kalt und weist ungewöhnlich starke Strömungen auf. „Am krassesten ist aber die Radstrecke“, berichtet Lou Schmidt. 2.200 Höhenmeter auf 180 Kilometern. Ein Brett.
Beim Schwimmen gibt es auch in der Schweiz die eine oder andere unangenehme Situation, aber die Panik gewinnt diesmal nicht die Oberhand. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich drin bin und mich an der Schlägerei beteiligen kann“, lacht Lou im Rückblick und von diesem Zeitpunkt an läuft es - vereinfacht formuliert - beinahe von selbst. „Ein magischer Tag. Ich bin aus dem Wasser raus, habe nur noch gelächelt und wusste: Heute schaffe ich es!“ Radfahren. Der Marathon. Emotionen pur. Die Gänsehaut des Lebens. Und dann die Glocke. Die „First-Timer-Glocke“, die immer dann im Ziel geläutet wird, wenn ein Athlet erstmals die Ironman-Distanz absolviert hat. Für Lou Schmidt erklingt sie nach 12 Stunden und 40 Minuten. Platz 916 im Feld der 2.400 Teilnehmer. Aber Zahlen spielen an diesem Tag keine Rolle.
Eine Woche nach dem Wettkampf steht Lou Schmidt wieder im Handball-Tor, trotz harten Muskelkaters. Doch die Endorphine helfen bei der Heilung… Und der Gedanke ans schon bald folgende nächste Highlight. Der New-York-Marathon, der ausgerechnet am Tag seines 27. Geburtstages stattfindet und mit rund 59.000 Teilnehmer der aktuell größte der Welt ist.
Der Trip in die USA, gebucht über ein auf Laufreisen spezialisiertes Unternehmen ("Ja, das ist teuer, aber über die Lotterie hat man praktisch keine Chance auf einen Startplatz"), wird bereits der fünfte Marathon-Start für den Hagener. Was im Umfeld des Wettbewerbs passiert, ist hingegen völliges Neuland. „Da stehen zwei Millionen im positiven Sinne bekloppte Amis am Streckenrand und feuern Dich an - unfassbar“, berichtet Lou Schmidt, der den Tag einfach nur genießt. Heißt: niedriger Puls im 130er-Bereich, Zeit für Fotos und Videos. Ganz knapp nach der 4-Stunden-Marke erreicht der Hagener das Ziel. Welch ein Geburtstagsgeschenk!
Thun, New York, das Training für die beiden prägenden Wettkämpfe - das erfordert jede Menge Selbstdisziplin und natürlich auch gute Vorsätze. Wie jetzt zu Silvester. Aber: „Ich bin kein großer Fan von Silvester“, sagt Lou Schmidt, „eigentlich ändert sich ja nur das Datum.“ Der Hagener vertritt eine klare Sicht auf die Dinge: „Wenn Du etwas im Leben verändern willst, dann kannst Du das auch heute schon. Wenn man immer sagt, morgen, morgen, morgen - dann passiert in der Regel nichts.“
Bei Lou Schmidt ist eine Menge passiert im zu Ende gehenden Jahr. Weil er gesagt hat: Heute fange ich an. Komme da, was wolle. Fokussiert auf das eigene Ziel. Nicht auf andere. „Vergleichen ist der Tod von Glück“, zitiert Schmidt den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard und hat dann doch einen Tipp parat, der sich für jeden Tag eignet. Auch wenn er ganz zufällig - wie nachher um Mitternacht - der Start in ein neues Jahr ist: „Einfach mal machen…“ Und am besten sofort.

